Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Leserinnen und Leser,
die nunmehr siebte Ausgabe der »Hammel & Sittich« steht stärker als die vorherigen im Zeichen von Kultur, Geschichte und Kapitalismusanalyse. Zum einen befassen wir uns mit literarischen Arbeiten, die in unterschiedlicher Weise das kapitalistische (Ausbeutungs-)Verhältnis von Menschen und Tieren behandeln. Zum anderen geht es um die Untersuchung der historischen Entwicklung sowie Gegenwart des Kapitalismus in der Schweiz.
Unser Genosse und Gastautor Matthias Rude, der uns in unserer vorigen Ausgabe bereits als Interviewpartner Rede und Antwort stand, befasst sich im ersten Teil seines Beitrags »Im Fleischwolf des Kapitals« mit Upton Sinclairs Roman »The Jungle«. Dessen Erscheinen im Jahr 1905 jährt sich zum 120. Mal. Die heute kanonische Sozialreportage des damals 24-jährigen »red-hot radical« aus den um die Jahrhundertwende weltweit größten Schlachthofanlagen in Chicago ist nicht nur eine minutiöse Analyse der (Über-)Ausbeutung der dort angestellten Arbeiterschaft sowie ihrer Lebensverhältnisse. Beide waren ganz von der Arbeit in der zu diesem Zeitpunkt hochmodernen Tötungsmaschinerie geprägt. Rude ordnet das Werk zugleich in die Geschichte des Kapitalismus und seiner Entwicklung ein. Teil zwei der Abhandlung folgt in unserer nächsten Ausgabe!
Anhand eines jüngst veröffentlichten Sammelbandes widmet sich Daniel Hessen anschließend den kapitalistischen Verhältnissen der Schweiz. Der von Arman Spéth, Dominic Iten und Lukas Brügger herausgegebene und im Mandelbaum Verlag erschienene Band »Schweizer Kapitalismus« füllt eine Lücke. Denn entsprechende fundierte Analysen »des ersten Steuerparadieses«, zumal in kritischer und marxistischer Absicht, waren und sind leider rar gesät. Grund genug also für eine ausführliche Besprechung, die die interessanten Einblicke des Bandes ebenso wie seine Schwächen diskutiert.
Unter dem Titel »150.000.000 Arbeiter, Dinge und Tiere« befasst sich Raul Lucarelli sodann mit dem revolutionären Subjekt und kommunistischen Demos im Werk des sowjetischen Dichters Wladimir Majakowski. Dessen erstmals 1924 veröffentlichtes Poem »150.000.000« ist ein futuristisches Revolutionsepos. Die Helden der utopischen Geschichte sind jedoch keineswegs nur menschliche Arbeiterinnen und Arbeiter. Das revolutionäre Kollektivsubjekt, das Majakowski schildert, umfasst vielmehr Menschen, Tiere und auch Dinge gleichermaßen – ohne deren Unterschiede einzuebnen. Lucarelli erinnert das Poem daher im Lichte der Diskussion über revolutionäre Subjektivität.
In den Zeitraum der Arbeit an dieser Ausgabe fiel außerdem ein für die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung wegweisendes Gerichtsurteil. Im sogenannten »Schlachthof-Prozess« wurden zwei Aktive, Anna und Hendrik, für die Undercover-Recherche in einem Schlachthof der Firma Brand vor dem Landgericht Oldenburg zur Zahlung eines Schadensersatzes verurteilt, der noch beziffert werden soll. Darüber hinaus sollen sie die produzierten Aufnahmen eigenhändig aus der Öffentlichkeit entfernen. Es handelt sich um eine juristische Auseinandersetzung mit Signalwirkung: Der Fleischkapitalist Brand handelt stellvertretend für die Kapitalseite seiner Branche und nutzt den Gerichtsweg, um unliebsame Berichterstattung einzuschränken. Die NO SLAPP Anlaufstelle zum Schutz publizistischer Arbeit in Deutschland hat den Prozess mittlerweile als »Strategic Lawsuits Against Public Participation«, kurz SLAPP (phonetisch identisch mit »slap«, englisch für »Ohrfeige«), anerkannt. Demzufolge handelt es sich bei diesem juristischen Verfahren um den Versuch der »Einschüchterung kritischer Stimmen mittels rechtlicher Schritte«. Anna und Hendrik wollen gegen das Urteil Berufung einlegen – ein überaus kostspieliges Unterfangen. Wir rufen daher zur politischen und finanziellen Unterstützung beider auf: Auf der letzten Seite der Ausgabe finden sich weitere Informationen dazu und ein Spendenaufruf.
Wir wünschen eine anregende Lektüre und freuen uns wie immer über Kritik und Rückmeldungen zu den Beiträgen!
Die Redaktion