Der Einsatz für die Befreiung der Tiere ist letztlich nur von Moralismus getrieben, selbst wenn man sich dabei marxistischer Begriffe bedient. Kommunistische Politik beruht aber nicht auf Moral, sondern auf wissenschaftlicher Gesellschaftsanalyse.
Zuerst einmal: Moralische Impulse und Moralismus sind nicht dasselbe! Letzterer misst die ganze Gesellschaft an einem moralischen Maßstab, ohne zu verstehen, wie sie funktioniert, und ersetzt darum Politik durch moralische Appelle. Moralische Impulse hingegen sind eben nur Impulse – und damit oftmals der erste Schritt und ein Antrieb zum politischen Handeln. Es stimmt, dass kommunistische Politik immer auf der wissenschaftlichen Analyse der Gesellschaft gründen muss und sich nicht bloß auf Leidensbekundungen oder Sentimentalität beschränken darf. Zudem setzt die Klassengesellschaft der Moral notwendig Grenzen. Aber dass Moral für Kommunisten überhaupt kein Bezugspunkt wäre, ist in mehrerlei Hinsicht falsch.
Erstens sind auch klassische Schriften des Marxismus und die Tradition der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung voll von Moral – ohne sie wäre Solidarität gar nicht denkbar. In allen Klassengesellschaften ist auch Moral ein politisches Kampffeld. Engels selber sprach von einer „Klassenmoral“: So wie die Gesellschaft sich „bisher in Klassengegensätzen bewegte, so war die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und die Interessen der herrschenden Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und die Zukunftsinteressen der Unterdrückten“ (MEW 20: 88). Marxismus ist nie nur wissenschaftliche Analyse, sondern beinhaltet immer auch eine revolutionäre Moral, die der bürgerlichen entgegengesetzt ist.
Zweitens ist der Kampf für die Befreiung vom Kapitalismus selbstverständlich auch moralisch motiviert: Die Notwendigkeit der Abschaffung der Klassengesellschaft ist zwar objektiv begründet – durch die Unversöhnlichkeit ihrer Widersprüche. Darüber hinaus aber lässt sich die Frage, warum man den Kapitalismus abschaffen sollte, ohne den Verweis auf das Leiden, das durch diese Widersprüche für die Angehörigen der ausgebeuteten Klasse und für Tiere verursacht wird, sowie auf die mit ihnen einhergehende Zerstörung der Natur kaum überzeugend beantworten.
Dem marxschen Imperativ, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (MEW 1: 385), liegt daher ebenfalls ein moralischer Impuls zugrunde.
Wer gegenüber Tieren moralische Impulse ablehnt, die in Bezug auf Menschen wichtig sind, ist letztlich inkonsequent. In anderen politischen Fragen – etwa bezüglich des Umgangs mit unterdrückten Minderheiten oder wenn Geflüchtete von Frontex-Kommandos im Mittelmeer versenkt werden – würden viele wahrscheinlich nicht so stark auf moralische Impulse herabschauen (auch wenn sie eine konkrete Analyse zu diesen Vorgängen haben). Leider zeigt sich jedoch bei manchen Genossen die Tendenz, Momente der bürgerlichen Kälte gegenüber Tieren als Ausweis analytischen Scharfsinns zu verkaufen: Alles andere, so heißt es dann, sei bloß unmarxistisches Moralisieren.
Politisch falsch wäre es aber tatsächlich, es bei der Empörung zu belassen und die politische Agenda auf moralische Anklage zu reduzieren. Als Marxisten müssen wir uns immer darüber im Klaren sein, dass der Moral gesellschaftliche Grenzen gesetzt sind und moralische Appelle deshalb nicht ausreichen, um die bürgerlichen Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse zu überwinden. Dazu noch einmal Engels: „Eine über den Klassengegensätzen und über der Erinnerung an sie stehende, wirklich menschliche Moral wird erst möglich auf einer Gesellschaftsstufe, die den Klassengegensatz nicht nur überwunden, sondern auch für die Praxis des Lebens vergessen hat“ (MEW 20: 88). Einen moralischen Antrieb zu haben und ihn zum Ausgangspunkt für Analyse und politisches Handeln zu nehmen, ist also etwas anderes als Moralismus, der die gesellschaftlichen Verhältnisse moralisiert, weil er ihren inneren Zusammenhang nicht begreift.
Für uns gilt daher: Natürlich haben wir als Marxisten moralische Überzeugungen, die zur Grundlage unseres Handelns gehören und aus unserem Klassenstandpunkt hervorgehen; für eine Geringschätzung moralischer Impulse gibt es keinen Anlass. Anders als manche Genossen nehmen wir die Tiere allerdings nicht von dieser Moral aus – und zugleich sind wir uns der Schranken bewusst, die der Kapitalismus unserer Moral setzt, was uns von Moralisten unterscheidet.
