1.3.2026

»Tierbefreiung ist momentan nicht relevant!«

Das Anliegen, sich für die Belange der Tiere einzusetzen, ist berechtigt. Allerdings ist das momentan keine politisch entscheidende Konfliktlinie in der Gesellschaft, und vor allem kein Thema, anhand dessen sich die Arbeiterklasse organisiert.

Erfahrungsgemäß zielt dieser Einwand in linken Debatten oft darauf, ein rhetorisches Zugeständnis zu machen, sich dann aber überhaupt nicht mehr zu der Frage der Tierausbeutung zu positionieren und dementsprechend auch keine Strategie zu ihrer Überwindung entwickeln zu müssen. Dass Tierausbeutung in der aktuellen politischen Konjunktur nicht der zentrale Widerspruch ist, anhand dessen sich die Arbeiterklasse organisiert, stimmt zwar. Aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass Kommunisten kein Programm für die Befreiung der Tiere entwickeln müssen.

Ein solcher Einwand ließe sich auch auf andere politische Fragen übertragen, die von Linken und Kommunisten als relevant erachtet werden: Zum Beispiel Palästinasolidarität, Feminismus oder Repression gegen die Linke sind nicht zu jedem Zeitpunkt Themen, die unmittelbar an die tagesaktuellen Interessen der lohnabhängigen Klasse anknüpfen und anhand derer sich viele Menschen organisieren. Trotzdem werden sie von Linken für wichtig befunden, und die meisten Genossinnen und Genossen würden dagegen protestieren, sie nicht mehr zu bearbeiten. Vielmehr, würden sie zurecht einwenden, müsste man dafür sorgen, den Menschen die Bedeutung dieser Anliegen näherzubringen.

Kommunisten müssen in der Lage sein, alle gesellschaftlichen Widersprüche, die das Kapital erzeugt, politisch aufzugreifen und gegen die herrschende Klasse zu richten. Dabei darf es nicht nur um die im engeren Sinne ökonomischen Interessen der Lohnabhängigen gehen. Es müssen auch etwa politische oder kulturelle Fragen und Themen bearbeitet werden, die auf den ersten Blick nicht unmittelbar als Klassenfragen erkennbar sind – allein schon, um ihre Bearbeitung nicht den Falschen zu überlassen.

Werden etwa Rassismus oder Geschlechterverhältnissen nicht von Kommunisten bearbeitet, überlässt man das der herrschenden Klasse und dem bürgerlichen Mainstream. Dabei handelt es sich hier um wichtige Widerspruchsfelder, die potenziell umfangreiche gesellschaftliche Bewegung erzeugen und Menschen politisieren können. In der Tierfrage ist es im Grundsatz nicht anders. Insbesondere für viele junge Menschen sind Fleischkonsum und Veganismus heute wichtigere Frage als vor ein paar Jahren noch, die teils politisierend wirken. Wenn Marxisten und Kommunisten ihnen hier aber nichts zu sagen haben, gehen sie eben zu den liberalen Lifestyle-Veganern oder den Grünen. Kommunisten müssen in der Lage sein, die Fragen, die sich in Bezug auf den Status der Tiere ergeben, zu beantworten und zu zeigen, dass letztlich nur der Sozialismus die Probleme lösen kann, die die Tierproduktion erzeugt.

Darüber hinaus hat mindestens der Kampf gegen die Fleischindustrie eine Menge mit den direkten Interessen der Lohnabhängigen zu tun. Die Verheerungen sind bekannt: Die monopolistisch organisierte Industrie zahlt Niedriglöhne für ruinöse Arbeit, schikaniert Gewerkschaftsmitglieder sowie Arbeiter und betreibt heftiges Union-Busting, verschwendet außerdem natürliche Ressourcen, pumpt das Fleisch voll mit Antibiotika (weshalb Menschen vermehrt an heilbaren Krankheiten sterben) und trägt maßgeblich zur Entstehung von Zoonosen und lebensbedrohlichen Pandemien bei. Dass Kommunisten die Tiere auch um ihrer selbst willen befreien wollen müssen, haben wir an anderer Stelle bereits argumentiert.

Es stimmt also, dass die Situation der Tiere gegenwärtig nicht die entscheidende Konfliktlinie im Klassenkampf ist. Ein Argument, sie in diesem nicht auch einzubeziehen, ist das aber nicht – ganz im Gegenteil.