9.9.2025

»Die Tierfrage lenkt vom Klassenkampf ab«

Der Fokus auf die Tierfrage lenkt eher von den wesentlichen Widersprüchen des Kapitalismus ab, als dass er eine effektive Organisierung dagegen ermöglicht.

In der Gegenwart zeichnen sich nicht nur die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, sondern etliche soziale Bewegungen durch eine thematische Verengung auf ein einzelnes Anliegen (Single-Issue Politik) und durch eine Strategie des präfigurativen Handelns (Veränderung des eigenen Verhaltens) aus. Dass sie den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen damit kaum etwas entgegensetzen, weil sie die Tierausbeutung nicht als Klassenfrage politisieren und ihre Anliegen so in das Portfolio der Herrschenden integrierbar werden – diese Einschätzung teilen wir.

Doch das Problem liegt nicht darin, auch die Tierfrage in den Fokus zu rücken, sondern in der inhaltlichen Ausrichtung. Sinnvoll wäre es, liberale Vorstellungen in der Bewegung zu überwinden, marxistische Positionen – auch zu Tierausbeutung und -befreiung – theoretisch zu formulieren und sie praktisch zu vertreten. Konkret hieße das, Tierausbeutung nicht isoliert zu betrachten, sondern sie im Rahmen marxistischer Gesellschaftskritik als Teil der kapitalistischen Produktionsverhältnisse kenntlich zu machen – und Tierbefreiung in das sozialistische Befreiungsprojekt einzubetten.

Bereits im Manifest der Kommunistischen Partei forderten Marx und Engels, »überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände« zu unterstützen, indem die Kommunisten die »Eigentumsfrage« »in allen diesen Bewegungen«[1] betonen [eigene Hervorhebungen]. Auch Lenin plädierte dafür, »auf alle Erscheinungen der Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch auftreten mögen, welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen mögen«, um »an allen diesen Erscheinungen das Gesamtbild […] der kapitalistischen Ausbeutung zu zeigen«[2].

Damit könnte der Kampf gegen den Kapitalismus effektiv gestärkt werden. Werden diese Aufgaben jedoch vernachlässigt, etwa indem die Belange der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung grundsätzlich als kleinbürgerlich, moralisierend oder systemerhaltend abgetan werden, spielt man letztlich den Herrschenden in die Hände. Man überlässt ihnen diese Themenfelder, die sie für ihre Zwecke vereinnahmen können: sei es zur Befriedung durch unwesentliche Zugeständnisse, im Sinne des Greenwashings oder gar durch die Kommodifizierung der Empörung. Die Analyse, die dem genannten Einwand vieler Marxisten zugrunde liegt, gleicht somit einer selbsterfüllenden Prophezeiung, die es zu durchbrechen gilt.

[1] MEW 4: 493.

[2] https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap3e.htm