Ein Präzedenzfall?

Wie es dazu kam, dass eine britische Gewerkschaft einem antispeziesistischen Antrag zustimmte

Im März 2025 votierten die Mitglieder der UNISON-Ortsgruppe Greater Manchester Mental Health mit überwältigender Mehrheit für einen antispeziesistischen Antrag. Darin steht unter anderem, dass selbst in reichen Volkswirtschaften immer mehr Menschen aus der Arbeiterklasse mit Ernährungsunsicherheit und schlechter Ernährung zu kämpfen haben, während weltweit Nahrungsmittelknappheit, Unterernährung und Menschenrechtsverletzungen aus einem Nahrungsmittelsystem resultieren, das auf Profitstreben ausgerichtet ist. Der Antrag[1] bezieht sich insbesondere auf die kapitalistische Tierproduktion und stellt einen Zusammenhang zwischen der Ausbeutung von Arbeitern der Branche, der Arbeiterklasse insgesamt, der Umwelt und nichtmenschlichen Tieren her.

UNISON ist die größte Gewerkschaft im Vereinigten Königreich.[2] Sie hat über 1,3 Millionen Mitglieder, überwiegend im öffentlichen Dienst, darunter im Gesundheits- und Bildungswesen, im Energiesektor und in den Kommunalverwaltungen. Die Gewerkschaft ist in Ortsverbände unterteilt, die nach Standort und Arbeitgeber oder Art der Tätigkeit organisiert sind. Es gibt 1.200 UNISON-Gliederungen im Vereinigten Königreich. Diese sind in 12 Regionen zusammengefasst, in denen die Regionalräte als Hauptverbindungsstelle zwischen den Regionen und dem Bundesvorstand fungieren. Delegierte können bei Versammlungen auf allen Ebenen Einfluss auf die regionale und nationale Politik und Prioritätensetzung nehmen.

Die UNISON-Ortsgruppe Greater Manchester Mental Health hat etwa 3.000 Mitglieder. Der antispeziesistische Antrag wurde allen Mitgliedern vorgelegt, bevor er in einer Reihe von Jahresversammlungen per Abstimmung angenommen wurde. Die Zustimmung durch eine Untergliederung ist zwar nur ein kleiner Schritt, der aber weitreichende Implikationen hat. Denn mit dem Beschluss wurde zum ersten Mal von einer Gewerkschaft anerkannt und formal festgehalten, dass die Notlage der Tiere für ihre Ziele und Politik von Bedeutung ist.

Der Antrag verpflichtet den Ortsverband unter anderem dazu, alle Bemühungen für eine Zusammenarbeit der Gewerkschaftsbewegung mit der Tierbefreiungsbewegung zu unterstützen und die Mitglieder bei Versammlungen und Veranstaltungen zu 100 Prozent mit veganer Verpflegung zu versorgen. Außerdem wird die Ortsgruppe dazu angehalten, den Antrag und die Diskussion darüber in den regionalen und nationalen Strukturen der Gewerkschaft mit dem Ziel zu fördern, die Positionen in diesen Fragen und die entsprechende Politik auf nationaler Ebene zu ändern.

Wir, die Autoren dieses Artikels, sind beide aktive Gewerkschafter der UNISON Greater Manchester Mental Health. Wir können zwar nicht mit Sicherheit sagen, dass dies die erste Ortsgruppe einer Gewerkschaft im Vereinigten Königreich ist, die solche Standpunkte vertritt und damit ausdrücklich bekräftigt, dass das Leiden von Tieren für unsere Ziele als Gewerkschafter nicht irrelevant sein sollte. Auch wenn die Kernaufgabe der Gewerkschaft darin besteht, die Position der Arbeitnehmer durch kollektive Organisation zu verteidigen und zu verbessern, kommt in solchen Beschlüssen zum Ausdruck, dass die Aktivitäten der Gewerkschaften über die unmittelbar Alltagsthemen wie Löhne, Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen hinausgehen. Deshalb engagiert sich die UNISON Greater Manchester Mental Health auch in breiteren sozialen und politischen Kämpfen am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft. Dazu gehören Kampagnen gegen Krieg, Ungleichheit, Rassismus und andere Formen der Unterdrückung und Diskriminierung sowie zu Umweltfragen. Es gibt keinen guten Grund, Bemühungen zur Beendigung des Leidens und der Ausbeutung von Tieren von diesen Kämpfen auszuschließen.

Obwohl der Antrag von einer Mehrheit getragen wurde, löste er erhebliche Kontroversen aus und wurde von einigen Teilen des Ortsverbandes, darunter auch von marxistischen Genossen, heftig kritisiert. Zu den wichtigsten Einwänden gehörten Behauptungen, dass der Antrag moralistisch sei, der individuellen Wahlfreiheit widerspreche und zum Konsum von mehr hochverarbeiteten Lebensmitteln führe. Es wurde ferner unterstellt, dass die beschlossene Änderung der Gewerkschaftsposition Menschen ausschlösse, die auf »Fleisch und Milchprodukte zu ihrer Ernährung angewiesen sind«. Außerdem wurde fälschlicherweise vorgebracht, dass mit dem Antrag ein individualistischer Ansatz zur Änderung des individuellen Konsums verfolgt werde, anstatt eine systemische Veränderung anzustreben. Andere Argumente, etwa dass die Produktion von Palmöl und anderen Nutzpflanzen ebenfalls schädlich sei und dass der Kapitalismus das Problem sei, nicht die Tierproduktion, implizierten, dass wir uns nicht um das Schicksal der im kapitalistischen System ausgebeuteten Tiere kümmern müssten. Einige Entgegnungen waren besonders bedenklich, wie zum Beispiel, dass Rechte etwas seien, für das man kämpfen muss, und dass Tiere, da sie nicht für ihre Rechte kämpfen können, keine Rechte hätten. Wir waren auch überrascht zu hören, dass eine vegane Lebensweise dazu führe, dass mehr Tiere getötet werden.

Glücklicherweise hat die Abstimmung gezeigt, dass die Mehrheit der Mitglieder diese Einwände nicht überzeugend fand. Wir empfehlen jedoch, sich mit diesen Argumenten vertraut zu machen und auf diese und ähnliche Reaktionen vorbereitet zu sein, wenn man ähnliche Anträge in den eigenen Gewerkschaften einbringen will. Der Abschnitt »Einmal für alle« des Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ist dafür eine ausgezeichnete Handreichung.[3] Wir raten außerdem dazu, etwas Zeit darauf zu verwenden, Unterstützung für einen solchen Antrag zu gewinnen, bevor man ihn einbringt. Das wird die Erfolgschancen maximieren.

Seitdem die Ortsgruppe Greater Manchester Mental Health ihren Beschluss gefasst hat, ist eine weitere Untergliederung dem Beispiel gefolgt. Die UNISON Swansea Bay Health in Wales (einem landwirtschaftlich geprägten Gebiet) hat den Antrag sogar einstimmig angenommen. Derzeit wird er auch in der Greater-Manchester-Mental-Health-Ortsgruppe der Gewerkschaft UNITE diskutiert und dürfte dort in Kürze verabschiedet werden.[4] Darüber hinaus hat die Greater-Manchester-Mental-Health-Ortsgruppe den Antrag beim UNISON North West Regional Council, also auf der nächsthöheren, regionalen Organisationsebene eingereicht, wo er bei der nächsten Sitzung beschieden wird. Der Regionalrat hat eine gekürzte Fassung des Antrags zur Diskussion in der Sitzung angenommen, jedoch hat der Rat auch den vollständigen Antrag an alle UNISON-Ortsverbände im Nordwesten Englands (etwa 80) zur Diskussion weitergeleitet.

Wir beabsichtigen außerdem, den Antrag bei der nächsten UNISON-Bundesdelegiertenkonferenz im Juni 2026 einzureichen. Sollte er angenommen werden, würden die darin enthaltenen Positionen zu Leitlinien der bundesweiten Gewerkschaftspolitik. UNISON hat 2026 zum Jahr der Klimaschutzaktivitäten erklärt – das bedeutet, dass der Übergang der Arbeitnehmer in eine grünere Ökonomie eine der wichtigsten Prioritäten sein wird. Dies wird die Argumente für einen Richtungswechsel in der Gewerkschaftspolitik stärken. Wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, dass die Notlage der Tiere Teil dieser Diskussion wird.

Im Vorfeld des Klimaschutzjahres 2026 veranstaltete UNISON kürzlich eine »Grüne Woche«. Die Ortsverbände wurden aufgefordert, Aktivitäten zu organisieren und Kampagnen zu Klimathemen am Arbeitsplatz zu fördern. Zu diesem Zweck haben wir mit einer Reihe anderer UNISON-Mitglieder und -Aktivisten aus verschiedenen Regionen des Vereinigten Königreichs zusammengearbeitet, um die Gewerkschaft zu bitten, die Nachricht über den Antrag auf der nationalen Website zu veröffentlichen, zusammen mit einer Kopie davon als Vorlage für andere Ortsverbände. Wir haben auch das nationale Politikteam eingeschaltet, um sicherzustellen, dass Informationen über die Schäden der Tierproduktion auf der Website verfügbar sind.

Dabei haben wir darauf hingewiesen, dass die Gewerkschaft derzeit Ressourcen und Informationen zu allen anderen großen umweltverschmutzenden Industrien bereitstellt – mit Ausnahme der Tierproduktion, obwohl diese eine Katastrophe für die Umwelt und einer der gefährlichsten und ausbeuterischsten Industriezweige für die Arbeitnehmer ist. Dies ist eine eklatante Unterlassung. Wir haben deshalb darum gebeten, dass den Mitgliedern und Aktivisten Informationen und Ressourcen zur Tierproduktion zur Verfügung gestellt werden, um sie dabei zu unterstützen, sich in ihren Ortsverbänden und an ihren Arbeitsplätzen für dieses Thema zu engagieren. Wir haben außerdem erklärt, dass UNISON seinen Einfluss nutzen sollte, um die Regierung dazu zu bewegen, die Massentierhaltung zu verbieten und einen gerechten Übergang für die Arbeitnehmer in diesen Branchen sicherzustellen – dies muss auf der Bundeskonferenz diskutiert und abgestimmt werden.

Wir beabsichtigen, den Antrag in den verschiedenen Gewerkschaftsräten (in denen sich Vertreter aller Gewerkschaften einer Stadt treffen, um Solidarität und Aktivitäten in der Region zu koordinieren) zu verbreiten. Dies könnte sich als schwierig erweisen, da in diesen auch Gewerkschaften mit einer großen Anzahl von Mitgliedern aus der Tierproduktion vertreten sind. Wir rechnen mit dem Widerstand dieser Gewerkschaften unter dem Vorwand des Schutzes von Arbeitsplätzen, wie wir es bereits in anderen Branchen wie der Rüstungsproduktion erlebt haben.

Trotz dieser großen Herausforderung bringt die Organisation in Gewerkschaften neue Möglichkeiten und Potenziale für die Zusammenarbeit mit sich – sie stärkt Kampagnen für Tierbefreiung und dient gleichzeitig den Interessen der Arbeiter und der Arbeiterklasse. Die Verabschiedung des Antrags in unserer eigenen Ortsgruppe hat bereits die Grundlage für weitere Aktivitäten geschaffen, darunter eine kürzlich durchgeführte vegane Spendenaktion für Palästina. Diese fand in Zusammenarbeit mit dem Bolton Socialist Club und Bolton Diggers (einer revolutionären, gemeindebasierten veganen Organisation, die sich intensiv für eine Reihe politischer Initiativen engagiert) statt.

Vor Ort haben wir nun die Möglichkeit, auf andere Gewerkschaftsverbände zuzugehen, deren Mitglieder möglicherweise in der Tierversuchsforschung tätig sind, beispielsweise an der Universität Manchester, wo Tierversuche zugenommen haben. Außerdem können wir die Stimmen der Arbeiter in externe Kampagnen gegen Vivisektion einbringen und diese Projekte so stärken. Weitere Aktivitäten, die potenziell unterstützt werden könnten, sind Kampagnen rund um die Enthüllungen von Undercoverrecherchen in Massentierhaltungsbetrieben, die die schreckliche Grausamkeit gegenüber Tieren sowie das Trauma und die Schäden aufzeigen, die die Arbeiter dort erleiden.

Gewerkschaften verfügen über enorme Ressourcen und Millionen von Mitgliedern, und organisierte Arbeiter haben die Macht, einen Produktionsbetrieb lahm zu legen. Es bedarf eines gerechten Übergangs für Arbeiter in schädlichen und unethischen Branchen hin zu sozial nützlichen, ethischen und gut bezahlten Arbeitsplätzen. Es wäre großartig, wenn sich Arbeiter in allen Branchen, die auf das Leiden und die Ausbeutung von Tieren angewiesen sind, im Sinne des Lucas-Plans organisieren würden, wie es die Arbeitnehmer der Lucas Aerospace Corporation 1979 getan haben. Angesichts massiver Arbeitsplatzverluste entwarfen die Arbeitnehmer einen alternativen Plan für die Zukunft des Unternehmens, der auf einer sozial nützlichen Produktion basierte.[5]

Der Trades Union Congress (der nationale Gewerkschaftsdachverband für England und Wales) hat das Jahr 2025/26 zum Jahr des Klimaschutzes erklärt, was allen 47 Mitgliedsgewerkschaften die Möglichkeit bietet, sich mit diesen Themen zu befassen.[6]

Wir laden alle Kollegen dazu ein, diesen Antrag, der nach eigenem Ermessen angepasst werden kann, zu nutzen und sich dafür einzusetzen, dass er in ihrer Gewerkschaftsgliederung angenommen wird. Wir sind der Meinung, dass alle Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sein sollten, und wir möchten Veganer und alle, die sich für die Befreiung der Tiere einsetzen, nachdrücklich dazu ermutigen, sich auch in ihren Gewerkschaften zu engagieren.

Es wäre schwieriger gewesen, diesen Antrag zu verabschieden, wenn wir uns nicht selbst aktiv in der Gewerkschaftsabteilung engagiert hätten, unter anderem durch die Organisation eines kürzlich erfolgreichen Streiks in einer der Einrichtungen für psychische Gesundheit in Manchester. Der Arbeitskampf wurde wegen der Unterfinanzierung der Einrichtung geführt. Die Klienten und die Pflegekräfte erhielten nicht die Unterstützung, die sie brauchten, und die Versorgung war prekär. Wir haben den Streik gewonnen, eine erhebliche finanzielle Ausstattung erkämpft und die Belegschaft wurde um fast ein Drittel aufgestockt. Unsere aktive Mitarbeit in der Gewerkschaft und die Tatsache, dass mindestens einer von uns viele Jahre zugleich in betrieblichen Klassenkämpfe und in der Tierbefreiungsbewegung aktiv war, haben dazu beigetragen, andere davon zu überzeugen, dass diese Themen miteinander zusammenhängen und dass es keinen Widerspruch zwischen dem Kampf für Arbeiter und dem Kampf für die Tiere gibt.

Unser Rat an alle, die sich für bessere Bedingungen für Tiere und Arbeiter einsetzen wollen, lautet, sich in ihren Gewerkschaften zu engagieren, wo das Potenzial besteht, eine Zusammenarbeit zum Wohle aller Lebewesen zu fördern.

Claire Miller und Steven Andrew

Ein Artikel aus dem Zirkular “Hammel & Sittich”, Ausgabe 8, März 2026