Diese Ortsgruppe [der Gewerkschaft UNISON [1] in Manchester] stellt fest:
dass Ernährungsarmut im Vereinigten Königreich (UK) zunimmt. Nach Daten des Department for Work and Pensions (DWP) lebten im Jahr 2024 7,2 Millionen Menschen in „ernährungsunsicheren Haushalten“ – ein Anstieg um 2,5 Millionen seit 2021/22;
dass die Lebenshaltungskostenkrise, steigende Preise und niedrige Löhne immer mehr Menschen in Armut treiben;
dass moderne Ernährungssysteme und landwirtschaftliche Praktiken untrennbar mit einer Vielzahl von Problemen verbunden sind – dies betrifft sowohl Arbeiterrechte als auch Umweltfragen, die globale Ernährungssicherheit und das Wohlergehen nichtmenschlicher Tiere.
Arbeiterrechte
Die Landwirtschaft ist von intensiver Ausbeutung geprägt. In allen Bereichen der Landwirtschaft ist die Anzahl nicht gewerkschaftlich organisierter Beschäftigter hoch, die niedrigen Löhnen und inakzeptablen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind. Besonders häufig sind davon migrantische Arbeiter betroffen.
Insbesondere die Tierindustrie hat erhebliche negative Folgen für Beschäftigte. Sie zählt zu den gefährlichsten Arbeitssektoren im Vereinigten Königreich. Arbeiter in dieser Industrie – insbesondere in Schlachthöfen und Fleischverarbeitungsbetrieben – weisen überdurchschnittlich hohe Raten von posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), Depressionen, Substanzmissbrauch sowie Arbeitsunfällen auf.
Die Landwirtschaft ist zu einem Hotspot für Menschenhandel und moderne Sklaverei geworden, sowohl im Vereinigten Königreich als auch in den Lieferketten britischer Unternehmen im Ausland. Aktuelle Beispiele hierfür sind:
- 2019 – Urteil wegen moderner Sklaverei gegen Houghton Catching Services, ein Subunternehmen von Happy Eggs;
- 2022 – Aufdeckung von Zwangsarbeit bei JBS in Brasilien. JBS ist der weltweit größte Rindfleischproduzent und beliefert zahlreiche führende Supermärkte, darunter Waitrose, Lidl, Sainsbury’s, Coop, Asda und Iceland;
- Februar 2025 – Festnahmen in einem Schlachthof in Stockport wegen Menschenhandels, Sklaverei und Zwangsarbeitspraktiken.
Umwelt
Die moderne industrielle Landwirtschaft stellt eine ernsthafte Gefahr für den Planeten und die Ökosysteme dar, von denen alles Leben auf der Erde abhängt.
Insbesondere die Tierindustrie ist eine der Hauptursachen des Klimawandels. Sie verursacht mehr als doppelt so viele Treibhausgasemissionen wie die Produktion pflanzlicher Lebensmittel.
Im Vereinigten Königreich werden 85 % aller sogenannten Nutztiere in der industriellen Massentierhaltung produziert. Dieses System ist nicht nur grausam, sondern beruht in erheblichem Maße auf dem Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln, die für andere Pflanzen- und Tierarten extrem schädlich sind. Es zerstört die Umwelt, führt zum Aussterben vieler Lebensformen und trägt zum alarmierenden Biodiversitätsverlust bei. Zudem fördert der massive Einsatz von Antibiotika (als Reaktion auf die Infektionsanfälligkeit in der Massentierhaltung) die Entstehung von Antibiotikaresistenzen, die weltweit eine ernsthafte Bedrohung für die Gesundheit darstellen, denn resistente Erreger wie MRSA verursachen potenziell tödliche Krankheiten.
Die Produktion von sogenanntem rotem Fleisch ist für 90 % der Abholzung des Amazonas-Regenwaldes verantwortlich. Jährlich werden Millionen Hektar Wald im Interesse der brasilianischen Rindfleischindustrie zerstört. Das hat verheerende ökologische Folgen, führt für viele Tierarten zu Lebensraumverlust und bedroht zudem die Lebensweise indigener Völker, deren Menschenrechte zugunsten der Profite multinationaler Agrarkonzerne verletzt werden.
Die Tierindustrie, insbesondere die Hühner- und Milchviehhaltung, ist die Hauptursache für Wasserverschmutzung im Vereinigten Königreich. Täglich werden 50.000 Tonnen Mist produziert – das entspricht 100 Doppeldeckerbussen voll pro Stunde. Dieser Mist wird entweder als Dünger ausgebracht, oder er leckt aus Tanks. Das so verschmutzte Wasser sickert in Flüsse und Bäche, zerstört die Lebensgrundlagen der Fische und anderer Tiere und verursacht „Todeszonen“ in Flüssen, Meeren und Böden. Untersuchungen zeigen, dass 70 % der britischen Milchbauern gegen geltende Umweltvorschriften verstoßen.
Etwa 80 % der globalen Meeresverschmutzung stammen aus landwirtschaftlichem Abwasser, das Pestizide und andere Chemikalien enthält. Abfälle aus der Fischerei machen rund 20 % der Plastikverschmutzung in den Ozeanen aus. Die Meere sind stark erschöpft. Die Ausweitung der Produktion und des Konsums tierischer Produkte hat zu kollabierenden Ökosystemen an Land und im Meer beigetragen sowie das Aussterben tausender Wildtierarten beschleunigt. Seit den 1970er-Jahren sind bereits 60 % der Tierarten verschwunden, und in den kommenden Jahren sind eine Million weitere vom Aussterben bedroht. Jede verlorene Art kann den Verlust weiterer Arten nach sich ziehen. Unsere Ernährungssysteme sind auf Biodiversität angewiesen, doch die derzeitigen Praktiken untergraben diese Grundlagen zunehmend.
Im Vereinigten Königreich ist ein besorgniserregender Anstieg von Mega-Farmen zu beobachten, ähnlich denen in den USA. Die Intensivierung der Landwirtschaft hat gravierende Folgen für Umwelt, Arbeitsbedingungen, die Tiere und die Gesundheit der Anwohner, deren Wasser und Luft verschmutzt sind. Menschen, die Ammoniak und andere schädliche Partikel einatmen, sind einem erhöhten Risiko für Atemwegserkrankungen und andere gesundheitliche Schäden ausgesetzt.
Die aktuelle Regierung scheint den Weg für noch mehr Mega-Farmen zu ebnen, nachdem Rachel Reeves[2] angekündigt hat, dass sie „unnötige Regulierungen“ abbauen will.
Ein System, in dem der Profit über alles gestellt wird, schreibt diese Probleme fest und verschärft sie weiter, zum Nachteil allen Lebens auf der Erde.
Globale Ernährungssicherheit
Um Ernährungsunsicherheit im Vereinigten Königreich und weltweit wirksam anzugehen, müssen wir für ein Wirtschaftssystem kämpfen, das für alle funktioniert. Nahrungsmittelknappheit ist überwiegend ein menschengemachtes Problem, das verschärft als Folge von Wirtschaftspolitiken auftritt, die Ungleichheit fördern, bewaffnete Konflikte anheizen und zur Zunahme klimabedingter Extremwetterereignisse sowie zum Verlust von Biodiversität beitragen.
Alle Menschen sollten das Recht auf bezahlbare, nahrhafte und gesunde Nahrung haben. Um dies zu erreichen, müssen wir das Wirtschaftssystem und die politischen Strukturen verändern, hin zu einem System, das auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet ist, statt auf die Maximierung des Profits einiger weniger.
Verändert werden muss nicht nur die Art und Weise, wie Nahrung produziert wird, sondern auch, welche Nahrungsmittel produziert werden. Die Tierhaltung ist eine äußerst ineffiziente Form der Lebensmittelproduktion, sowohl in Bezug auf den Einsatz von Land und Ressourcen als auch hinsichtlich der Menge an Kalorien und Nährstoffen, die für den menschlichen Verzehr verfügbar gemacht werden.
Über 70 % der Landfläche des Vereinigten Königreichs werden für die Nahrungsmittelproduktion genutzt, davon entfallen rund 85 % auf die Tierhaltung, obwohl diese nur etwa 32 % des Kalorienbedarfs deckt. So werden beispielsweise 21 Pfund pflanzliches Protein benötigt, um ein Kalb zu füttern, das lediglich ein Pfund tierisches Protein für den menschlichen Verzehr liefert. Für die Produktion eines Pfunds Rindfleisch werden zudem über 2.000 Gallonen Wasser verbraucht, verglichen mit etwa 300 Gallonen für die gleiche Menge Tofu oder nur 25 Gallonen für die gleiche Menge Weizen.
Viele Organisationen führen aus diesen Gründen heute pflanzenbasierte Ernährungspolitiken ein. Der fortschreitende Klimawandel, zu dem die Tierhaltung erheblich beiträgt, wird uns alle schädigen. Besonders betroffene Bevölkerungsgruppen, die bereits mit Nahrungsmittelknappheit zu kämpfen haben, sind aber mit einer noch viel härteren Realität konfrontiert. Der Anbau von Nahrungsmittelpflanzen wird in vielen Regionen durch erschöpfte Böden, das Insektensterben und Überschwemmungen oder Dürreperioden immer schwieriger.
Wir haben eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, und trotzdem werden weiterhin Pflanzen an sogenannte Nutztiere verfüttert. Wir könnten ein Vielfaches an Kalorien mit deutlich weniger Land- und Ressourceneinsatz produzieren. Stattdessen verschärft sich im Rahmen des aktuellen Agrarsystems für Millionen Menschen die Ernährungsunsicherheit, insbesondere für Menschen im Globalen Süden.
Die Vereinten Nationen empfehlen einen Übergang zu pflanzenbasierter Ernährung im Sinne des Umweltschutzes und zur Verringerung der globalen Ernährungsunsicherheit.
Tierrechte
Die Tierindustrie gehört zu den ausbeuterischsten und schädlichsten Industrien der Erde. Milliarden Tiere werden während ihrer kurzen Lebensdauer unter grausamen Bedingungen gehalten und anschließend getötet. In Massentierhaltungsbetrieben, die weltweit 99 % und im Vereinigten Königreich 85 % der landwirtschaftlichen Betriebe ausmachen, sind Tausende Tieren auf engstem Raum eingesperrt. Sie haben kaum Platz für minimale Bewegungen und fristen ihr Leben unter äußerst unhygienischen Bedingungen. Weltweit werden täglich zwischen 3,4 und 6,5 Milliarden Tiere für die Nahrungsmittelproduktion getötet; im Vereinigten Königreich sind es jährlich 1,2 Milliarden Tiere. Tiere bilden starke soziale Bindungen, spielen gerne, pflegen sich gegenseitig und schlafen oft Schnauze an Schnauze mit denen, zu denen sie enge Beziehungen haben. Tiere empfinden Schmerz und Angst ebenso intensiv wie wir.
Milliardenschwere Propagandamaßnahmen sollen uns weismachen, dass Tiere vor ihrer Schlachtung ein glückliches Leben führen und auf humane Weise sterben. Doch die Realität sieht anders aus: Selbst auf Farmen und in Schlachthäusern, die angeblich die höchsten Tierschutzstandards erfüllen, herrscht weit verbreitetes Leid. Undercover-Ermittlungen belegen das immer wieder.
Während die Rechte der Tiere in Teilen der Linken, besonders vielleicht unter Öko-Sozialisten, als Anliegen formuliert werden, spielen sie in der aktuellen Gewerkschaftsbewegung des Vereinigten Königreichs kaum eine Rolle. Die Berücksichtigung von nichtmenschlichen Tieren sollte aber nicht als irrelevant oder im Widerspruch zu unserem Kampf für soziale Gerechtigkeit gesehen werden. Im Gegenteil, sie könnte unser Anliegen sogar stärken.
Die Rechte nichtmenschlicher Tiere müssen Teil unseres umfassenden Kampfes für soziale Gerechtigkeit werden. Dieser Kampf kann zudem durch die Bildung von Allianzen mit anderen Akteuren, die unsere Ziele für eine gerechtere Welt teilen, gestärkt werden.
Trotz des Schweigens der Mehrheit der Gewerkschaftsbewegung ist die Idee, dass die Befreiung der Tiere untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit verbunden ist, keineswegs neu. Tatsächlich haben viele bedeutende Bürgerrechtsaktivisten, Sozialisten und Marxisten festgestellt, dass die Ausbeutung der Tiere Teil eines umfassenderen Ausbeutungssystems ist, und sie haben dieses Thema explizit mit anderen sozialen Gerechtigkeitsfragen wie Rassismus, Sexismus und Kolonialismus in Verbindung gebracht.
So ist beispielsweise Angela Davis vegan, ebenso wie es viele andere führende Mitglieder der Black Panther Party waren. Cesar Chavez, Gründer der US-amerikanischen Farmarbeitergewerkschaft, sah die Kommerzialisierung von Tieren als ein Symptom des kapitalistischen Ausbeutungssystems. Der Bürgerrechts- und Antikriegsaktivist Dick Gregory übernahm die Philosophie der Gewaltlosigkeit von Martin Luther King und war der Ansicht, dass sie auf alle Lebewesen ausgeweitet werden sollte. Er verstand dies als eine Form des Widerstands gegen alle Formen der Unterdrückung und sagte: „Weil ich ein Bürgerrechtsaktivist bin, bin ich auch ein Tierrechtsaktivist. Tiere und Menschen sterben und leiden gleichermaßen.”
Karl Marx war zwar kein Veganer, aber im Rahmen seiner Kapitalismuskritik zitierte er Thomas Müntzer mit der Klage, dass „alle Kreatur zum Eigentum gemacht worden sei, die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft (…) – auch die Kreatur müsse frei werden”. Die Kritik an der Kommodifizierung aller Dinge im Dienste des Profits und Marx‘ Konzept der „Entfremdung“ sollten unsere Sichtweise als Gewerkschafter auch auf die Tierbefreiung prägen.
Diese Ortsgruppe ist der Auffassung,
dass die gegenwärtige kapitalistische Lebensmittelproduktion und -verteilung die Rechte der Arbeiter untergräbt, die Umwelt schädigt und die Ernährungsunsicherheit im Vereinigten Königreich und weltweit verschärft;
dass wir im Sinne einer nachhaltigen Zukunft alternative Systeme der Lebensmittelproduktion und -verteilung in Betracht ziehen müssen, die den unmittelbaren Produzenten, der Arbeiterklasse und der Umwelt zugutekommen;
dass die finanziellen Kosten der Veränderung unserer Ernährungssysteme nicht auf die Arbeiterklasse abgewälzt werden dürfen. Alle Menschen haben das Recht auf bezahlbare, nahrhafte Lebensmittel, und gesunde, ethische Alternativen dürfen nicht teurer sein;
dass viele Unternehmen, auch in der Landwirtschaft, zunehmend Greenwashing betreiben, um sich der Verantwortung für ausbeuterische und schädliche Praktiken zu entziehen. Wir müssen diesem Greenwashing in unserem Kampf für einen echten Wandel, der Mensch, Umwelt und allen Lebewesen zugutekommt, entschieden entgegengetreten;
dass die Rechte nicht-menschlicher Tiere in unserem Kampf für soziale Gerechtigkeit Beachtung verdienen. Sie dürfen weder als unwichtig noch als Widerspruch zu unseren gewerkschaftlichen Zielen betrachtet werden;
dass es historisch Verbindungen zwischen Umwelt-, Frauenrechts-, Bürgerrechts-, Tierbefreiungs- und Gewerkschaftsbewegungen gegeben hat und dass die Vereinigung dieser Bewegungen uns stärkt. Wir werden stärker, indem wir Bündnisse mit jenen schließen, die ähnliche Ziele verfolgen wie wir;
dass die Mehrheit der Menschen im Vereinigten Königreich inzwischen anerkennt, dass ein geringerer Konsum von Fleisch und Milchprodukten nicht nur der Umwelt, sondern auch unserer Gesundheit und dem Tierschutz dient.
Diese Ortsgruppe beschließt,
den Kampf gegen Austerität und für höhere Löhne fortzuführen. Viele unserer Mitglieder erleben aufgrund einer Wirtschaftspolitik, die wenigen nützt und vielen schadet, finanzielle Schwierigkeiten und Ernährungsunsicherheit;
alle Bemühungen zu unterstützen, die Gewerkschaftsbewegung mit Umwelt- und Tierrechtsbewegungen zu vereinen;
den Austausch und die Zusammenarbeit mit diesen Bewegungen zu fördern, um unsere kollektive Stärke im Kampf um eine gerechtere und nachhaltigere Welt zu entwickeln;
eigene Schritte zu unternehmen, um gerechtere und nachhaltigere Ernährung vorzuleben und zu fördern. Im Rahmen aller von uns organisierten Veranstaltungen (z. B. Schulungen) verpflichten wir uns zu einer ethischen Ernährungspolitik, die eine pflanzenbasierte und regional erzeugte Verpflegung einschließt;
diese Diskussion über die Netzwerke der Umweltbeauftragten unserer Gewerkschaft (UNISON) sowie über unsere regionalen und nationalen Strukturen voranzubringen;
Referenten von relevanten Organisationen einzuladen, wie zum Beispiel von der US-amerikanischen Farmarbeitergewerkschaft „Land Workers Alliance“.
Übersetzung Kostja Feld Englisches Original hier
[1] UNISON ist die größte Einzelgewerkschaft im Vereinigten Königreich. Sie organisiert vorwiegend Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und des öffentlichen Gesundheitswesens.
[2] Rachel Reeves (Labour Party) ist seit 2010 Mitglied des britischen Unterhauses. Seit Juli 2024 ist sie Schatzkanzlerin im Kabinett Starmer.