Neun Thesen zum historischen und metaphysischen Antispeziesismus

1. Allgemeiner Antispeziesismus (metaphysisch) und der Antispeziesismus, den wir brauchen (historisch)

Der metaphysische Antispeziesismus, der der am weitesten verbreitetste ist, kennt nur die abstrakte Opposition zwischen Mensch und Tier. Er ist ahistorisch und sieht den Menschen als ein Individuum. Der historische Antispeziesismus hingegen hat ein konkretes und dialektisches Verständnis der Mensch-Tier-Beziehung und weiß, dass der Mensch notwendigerweise ein gesellschaftliches Wesen ist.

2. Der Trugschluss des metaphysischen Antispeziesismus

Der metaphysische Antispeziesismus charakterisiert sich durch die folgenden Begründungsformeln:

  1. Er betrachtet die menschliche Geschichte aus der Sicht der Herrschaft über Tiere;\
  2. Er überführt dieses Konzept in eine objektive Realität und stellt es über die Geschichte;\
  3. Er sieht das Phantom (den „Speziesismus“) als Ursache für alle Gewalt, die bis zur Gegenwart an Tieren verübt wurde und wird. Tatsächlich ist Speziesismus – unser Glaube, dass der Mensch etwas Anderes und Höheres ist als jedes andere Tier – von nichts die Ursache; er ist vielmehr der Effekt von etwas, das die metaphysischen Antispeziesisten (noch) nicht erklärt haben.

3. Wie die Fabel vom metaphysischen Antispeziesismus geboren wurde (Singer)

Der metaphysische Antispeziesismus ist Singers größter und irreparabler Fehler: nach Singer ist Speziesismus die „Ideologie unserer Spezies“, die innere Einstellung, die wir als „überlegene Tiere“ in Bezug zu anderen Tieren haben. Der Mensch ist jedoch nicht aus sich heraus ein herrschendes und überlegenes Tier. Seine physische Unterlegenheit im Vergleich zu anderen Tieren zeigt genau das Gegenteil. Der Mensch wird zum herrschenden Tier, und er wird es nur als gesellschaftliches Kollektiv, nicht als Spezies.

4. Warum Antispeziesismus historisch begründet sein muss

Die Frage, warum das speziesistische Bewusstsein verschiedenste speziesistische Verhaltensmuster (eine spezielle Art Tiere als Versorgungsressource zu züchten, eine andere Art zur Herstellung von Kleidung zu nutzen, wieder andere als Opfergabe für gewisse Rituale oder religiöse Praktiken etc.) rechtfertigt (aber nicht produziert!), kann nicht allgemein beantwortet werden, da es eine Frage ist, die die Geschichte des Menschen betrifft, und nur in ihr kann eine wirkliche Erklärung gefunden werden. Andererseits ist Singers „kurze Geschichte des Antispeziesismus“ (wie er in seinem Buch „Animal Liberation“ ausführt) keine wirklich historische Betrachtung – das heißt, eine Geschichte, die von Individuen geschrieben wurde, die in festen Gesellschaften mit gewissen Bedürfnissen leben, sondern eine Geschichte der Ideen. Singer führt verschiedene Denker, die in der Geschichte verschiedene Konzepte von Tieren formuliert haben, ganz so an, als ob wirkliche Geschichte von Philosophen gemacht würde. Dabei ist es mehr als offensichtlich, dass die Theorien von Philosophen nur ihre gesellschaftliche Existenz spiegeln können (Aristoteles rechtfertigt zum Beispiel Sklaverei, weil die griechische Gesellschaft seiner Zeit nicht ohne Sklaven hätte existieren können). Es ist die Art und Weise, in der die menschliche Gesellschaft organisiert ist, aus der heraus wir den Ursprung des Speziesismus erklären müssen; und nicht anders herum.

5. Warum der historische Antispeziesismus nicht relativistisch ist

Die unterschiedlichen Rechtfertigungen verschiedener Gesellschaften und Epochen für die Nutzung und den Missbrauch von Tieren zu verstehen, bedeutet nicht, dass jede historische Gesellschaft oder Epoche ihren „eigenen“ Speziesismus hat (als ob das Konzept des „Speziesismus“ eine relatives wäre). Im Gegenteil, der historische Speziesismus sucht im Gegensatz zum metaphysischen Antispeziesismus den gemeinsamen Ursprung der vielfältigen speziesistischen Gewohnheiten, und er findet ihn in den realen Strukturen menschlicher Gesellschaft.

6. Der metaphysische Antispeziesismus kann Rassismus und Sexismus nicht erklären

Der metaphysische Antispezisismus hat keinerlei Bezug zum Verständnis von Rassismus und Sexismus. Entweder erklärt er Speziesismus als Entsprechung derselben (folglich erklärt er nicht die Beziehungen zwischen diesen drei Begriffen) oder aber, er hält den Speziesismus für ein allgemeineres Konzept als Rassismus und Sexismus (und fällt somit dem Abstraktions-Trugschluß zum Opfer – siehe These 2 – da er ein Konzept als Ursache für ein reales Ereignis setzt). Zum Schluss versucht der metaphysische Antispeziesismus eine pseudo-historische Erklärung: Speziesismus ist die Ursache von Sexismus und Rassismus, weil der Mensch als erstes andere Tiere unterwirft, dann das andere Geschlecht, dann andere Rassen…(oder weil der Mensch als erstes andere Tiere unterwirft, dann die anderen Rassen, dann das andere Geschlecht … und so weiter).

7. Historischer Antispeziesismus kann Rassismus und Sexismus erklären

Das historische Ereignis, das Licht auf Speziesismus, Sexismus und Rassismus wirft, ist die Geburt des Geist-Natur Gegensatzes. Diese Spaltung im menschlichen Bewusstsein, das heißt die Illusion einer spirituellen Realität, die der Natur übergeordnet ist, ist die Voraussetzung für Speziesismus, Sexismus und Rassismus, da der Mensch sich als Träger des Geistes betrachtet und projiziert die Unterlegenheit einer nicht-geistigen Natur auf das Andere (Tiere, Frauen, andere „Rassen“).

8. Der historische Antispeziesismus erklärt den Menschen als soziales Wesen

Die Herrschaft über die Natur wurde schon immer im Namen des Geistes gerechtfertigt. Tatsächlich aber basiert sie auf der Herrschaft innerhalb der Gesellschaft, auf sozialen Hierarchien (das heißt auf Gewalt von Menschen ausgeübt an anderen Menschen). Die Autonomie des Geistes und seiner Opposition zur Natur ist nur dort möglich, wo wenige Individuen von der Arbeit anderer Leben und sich schließlich „spiritueller“ Aktivität widmen (von der Ausarbeitung theologischen Wissens zur Wissenschaft). Dieser Prozess beginnt in der menschlichen Urgeschichte (als der Mensch – wie andere Tiere – noch keine Rechtfertigung für das Töten brauchte) und wurde perfektioniert mit den ersten hierarchisch organisierten menschlichen Gesellschaften. Die gesamte menschliche Kultur wurde errichtet auf der Ausbeutung des Menschen, nicht nur der von Tieren.

9. Der metaphysische Antispeziesismus trennt den Menschen vom Tier

Der metaphysische Antispeziesismus legt nahe, den Speziesismus zum Wohle anderer Spezies fallen zu lassen, da Speziesismus zum Trotz der Interessen der anderen Tiere lediglich die Interessen des Menschen verfolge. Auf diesem Wege ist der Mensch wiederum getrennt von und das Gegengewicht zu den anderen Spezies. Im Gegenteil dazu behauptet der historische Antispeziesismus, dass der Mensch selbst das erste Opfer des Speziesismus ist und dass er ihn in seinem und dem Wohle der anderen Tiere überwinden sollte.

Quelle und Übersetzung: apesfromutopia.blogspot.com