Ein Grundstein für die historisch-materialistische Theorie zur Befreiung der Tiere
Im Jahr 2005 publizierte ich erstmalig die »Neun Thesen über den Antispeziesismus« auf der recht unbekannten und etwas eigenartigen Website namens »Liberazioni«[1]. Diese wurde von ehemaligen Mitgliedern der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) betrieben, die Sympathien mit den Tierbewegungen hatten. Kurz zuvor hatte ich bereits einen langen und komplexen Essay mit dem Titel »Marxismus und Tierbfreiung«[2] abgeschlossen. Darin habe ich zum ersten Mal versucht, die Grenzen der moralphilosophischen Herangehensweise von Tierrechtlern aufzuzeigen (kurz gesagt, deren Fehlinterpretation Marxens und der grundlegenden Begriffe des Marxismus) und herauszuarbeiten, welche unverzichtbaren Werkzeuge die »Frankfurter Schule« bietet, um dem Marxismus eine Wendung zu geben, die ihn für die Befreiung der Tiere öffnet. In der Theorie lag für mich der Schlüssel darin, das Leiden der »quälbaren Körper«[3] in die sozialistische Emanzipation zu integrieren.
Die »Thesen« entstanden ungeplant, als eine Art Ergänzung oder Weiterdenken dessen, was in jenem längeren Aufsatz ungesagt geblieben war, weil es noch nicht ausreichend durchdacht war oder nur implizit mitschwang. Ihre Abfassung wurde letztlich durch folgendes Ereignis angestoßen: Eine anarchistische Zeitschrift hatte eine fragwürdige Rekonstruktion der Geschichte des Speziesismus veröffentlicht. Darin wurde behauptet, dass alle Formen der Herrschaft historisch aus dem Vorurteil gegenüber anderen Spezies hervorgegangen seien. Nachdem ich in »Marxismus und Tierbefreiung« die bürgerlichen Argumente für die Befreiung der Tiere einer Kritik unterzogen hatte, sah ich mich plötzlich gezwungen, auch die »antikapitalistischen« Tierbefreier zu kritisieren. Dabei wurde mir schnell klar, dass die Grundideen beider gar nicht so weit auseinander lagen. Denn auch Peter Singer hatte in »Animal Liberation« eine Geschichte des Speziesismus geschrieben, die ebenso abstrakt, ahistorisch und idealistisch war.
Angetrieben durch diesen intuitiven Eindruck sowie den Wunsch, das Wesentliche herauszuarbeiten und potenzielle Leser nicht durch einen zu anspruchsvollen Artikel zu verlieren, beschloss ich, meinem Text eine paradigmatische, klare Form zu geben und mich an Marx’ »Thesen über Feuerbach« zu orientieren. Dieselben KPI-Genossen, die meine früheren Schriften publiziert hatten, fanden die »Thesen« unorthodox. Aber sie konnten nicht umhin zu bemerken, dass sie die bisherige Erörterung der Tierfrage in einem »befremdlichen und beunruhigenden Licht« erscheinen ließen. Und dies, obwohl die Grundidee nicht wirklich »neu« war: Ich hatte lediglich in materialistischen Begriffen formuliert, was selbst Kommunisten wie sie inzwischen in den moralphilosophischen Kategorien von Tom Regan diskutierten.
Beide Texte lösten heftige Diskussionen in italienischen Aktivistenkreisen aus. Das ist nicht besonders überraschend, da sie den Idealismus und Moralismus kritisierten, den sich die große Mehrheit der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung in jener Zeit zu eigen machte. Das gilt für die »bürgerliche«, liberale Strömung ebenso wie für die »antikapitalistische«, überwiegend anarchistische. Den »Thesen« war eine längere und glücklichere Rezeptionsgeschichte beschieden als dem Aufsatz »Marxismus und Tierbefreiung«. Sie ist auch der Grund, warum ich heute, zwanzig Jahre später, immer noch und wieder über die »Thesen« spreche.
In den Jahren nach 2005 zirkulierten die »Thesen« vor allem im Milieu deutschsprachiger Tierrechts- und Tierbefreiungsaktivisten. Es waren Jahre intensiver intellektueller Gärung, in denen eine ernsthafte theoretische Debatte zwischen Gruppen, Aktivisten und Zeitschriften – in Italien ebenso wie im übrigen Westen – der Reflexion über das »Tier-Sein« philosophisch und politisch neue Geltung zu verleihen schien. Nicht nur in akademischen Kreisen, die bald ihre eigenen »Animal Studies« hervorbringen sollten, sondern auch innerhalb der Bewegungen wurde mit Leidenschaft und Strenge diskutiert – in der Überzeugung, dass die Tierfrage eine theoretische Ausarbeitung erforderte, die ihrer historischen und sozialen Bedeutung gerecht würde.
In diesem Kontext stießen die »Thesen« auf unerwartete Resonanz: Sie wurden ins Deutsche übersetzt und unter deutschen, schweizerischen und österreichischen Gruppen verbreitet. Sie lösten eine Debatte aus, die mir die Möglichkeit eröffnete, die Ergebnisse meiner Forschung öffentlich vorzustellen – insbesondere auf dem Kongress »…dass das steinerne Herz der Unendlichkeit erweicht« in Hamburg im Jahr 2006. Dort nahm die Unterscheidung zwischen metaphysischem und historischem Antispeziesismus die Gestalt eines eigenständigen theoretischen Paradigmas an. Aus dieser Konstellation entstand ein historisch-materialistischer Ansatz zur Tierfrage, der sich im Laufe der Jahre selbständig weiterentwickelte und internationale Anerkennung fand. Heute existiert eine Denkrichtung, die sich ausdrücklich auf diesen Zugang beruft und die die damals in wenigen, apodiktischen Thesen zusammengefassten Beobachtungen systematisiert und vertieft hat.
Die »Thesen« trugen ursprünglich den Titel »Über den metaphysischen und den historischen Antispeziesismus«. Im Kern handelt es sich um eine Kritik an der metaphysischen Auffassung Peter Singers und, allgemeiner, an allen von ihm inspirierten Tierethiker und -aktivisten. Ich erinnere mich, dass schon während des Hamburger Kongresses ein »Singerianer« einwandte, Singer könne nicht als metaphysischer Denker gelten, da er ausdrücklich antimetaphysische Positionen vertreten habe: er spreche sich für ethischen Laizismus aus, lehne die »Heiligkeit des Lebens« ab und kritisiere den Vitalismus sowie das Konzept der Seele.
Allerdings ist mein Gebrauch des Begriffs »metaphysisch« – wie in Engels’ »Dialektik der Natur« – weder ontologisch noch theologisch, sondern marxistisch und materialistisch gemeint, er steht also in Bezug zur Kritik der politischen Ökonomie. Als »metaphysisch« wird in diesem Zusammenhang jeder Ansatz bezeichnet, der die Rolle der gesellschaftlichen Struktur bei der Bildung von Ideen und ideologischen Prozessen ignoriert und das Verhältnis zwischen Realem und Geistigem, zwischen Materiellem und Ideellem umkehrt – mit anderen Worten, der das Vorurteil als Ursache historischer Ereignisse und nicht als deren Resultat betrachtet. Ein weiterer zentraler Aspekt der »Thesen« betraf den kollektiven Charakter sozialer Strukturen. Gegen den methodologischen Individualismus argumentierte ich, dass das Metaphysische darin besteht, die Gesellschaft auf eine bloße Summe von Individuen – von »moralischen Monaden« – zu reduzieren, deren Entscheidungen als unabhängig und selbstbestimmt gelten. Der historische Materialismus erkennt hingegen, dass nur kollektive Strukturen – ökonomische, institutionelle, symbolische – soziales Handeln überhaupt ermöglichen und dessen Grenzen, Formen und Bedeutungen bestimmen.
Für meine Gegenposition, die ich verteidigen wollte, fehlte mir damals noch der treffende Begriff. Einerseits war sie »historisch«, aber nur im Sinne einer materialistisch verstandenen Geschichte. Andererseits war sie gerade deshalb materialistisch, weil sie historisch war. Schließlich hoffte ich, dass ihr dialektischer Charakter anerkannt würde, denn dialektisch ist vor allem das Verhältnis zwischen dem Menschlichen und dem Nichtmenschlichen, das den »Thesen« zugrunde liegt. Die Negation des »Tier-Seins« des Menschen – wie bereits von Adorno und Horkheimer in der »Dialektik der Aufklärung« gezeigt – führt unausweichlich zur Unterdrückung des Menschlichen selbst. Den Antispeziesismus musste ich daher als historisch, materialistisch und dialektisch fassen.
Im italienischen Kontext verbreitete sich später der Terminus »politischer Antispeziesismus«, ein Ausdruck, den ich selbst zunächst begrüßte, der aber zu einer Reihe von Missverständnissen führte. Auf das »Politische« des Antispeziesismus haben sich nämlich ebenso Anarchisten wie Liberale berufen. Zudem drohte der Begriff den entscheidenden Punkt zu verdunkeln: Es ging nicht um ideologische Zugehörigkeit, sondern um die richtige Methode.
Der Antispeziesismus, den ich vorschlagen wollte, war zum einen ein theoretischer Zugang, um die Entfremdung vom »Tier-Sein« mit den Werkzeugen des historischen Materialismus und der Kritik der politischen Ökonomie auf den Begriff zu bringen. Zum anderen war der Antispeziesismus als Vorschlag für die Praxis gedacht, um innerhalb der Arbeiterbewegung eine Strömung aufzubauen, die die Befreiung von Mensch und Tier als Momente eines einheitlichen Prozesses der Befreiung der Natur von der Herrschaft begreift.
Es handelte sich also um eine Perspektive, die weit von mystischen Deutungen – wie sie in bestimmten religiösen Strömungen anzutreffen sind – entfernt war und sich ebenso deutlich von den vagen und utopischen Formulierungen von Autoren wie Steven Best oder den moralistischen und idealistischen Positionen des anarchistischen Milieus abhob. Er zielte darauf ab, aus der Analyse des Kapitals selbst die Bedingungen der Möglichkeit einer universellen Befreiung abzuleiten, die Mensch, Tier und Natur in einem gemeinsamen Emanzipationsprozess umfasst.
Ich freue mich, dass diese »Thesen« zwanzig Jahre später erneut veröffentlicht werden. Sie sind Teil einer langen Debatte, die keineswegs abgeschlossen ist, insbesondere jetzt, da wir uns zunehmend in der Arbeiterbewegung einbringen, um die Ausbeutung und Unterdrückung der Tiere als zentralen Knotenpunkt der Kapitalismuskritik sichtbar und zu einem Teil der Agenda zu machen. Gerade die sozialen, ökologischen und ökonomischen Widersprüche, die sich uns heute mit aller Gewalt zeigen, müssen uns zu der Praxis drängen, die zu ihrer Überwindung erforderlich ist. Zugleich sollten wir sie auch zum Anlass nehmen, jene theoretische Arbeit, die wir damals begonnen haben, fortzusetzen und zu vollenden.
Marco Maurizi
Übersetzung: Raul Lucarelli
Ein Artikel aus dem Zirkular “Hammel & Sittich”, Ausgabe 8, März 2026